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Die Freuden eines anarchistischen Bayern

Oktober 7, 2008

Kommentar von Konstantin Wecker zum “Bayern-Beben”.

Das Bayern-Beben, das wir uns erhofft haben, liegt wenige Tage hinter uns. In der CSU brechen die zu erwartenden Diadochen-Kämpfe aus. Aber ich muss schon sagen: ich bin immer noch am Verdauen dessen, was an diesem denkwürdigen 28. September 2008 geschehen ist. Wer die letzten Jahrzehnte an das frustrierende Ritual von Bayernwahlen mit sattem CSU-Sieg gewöhnt war, hatte am letzten Sonntag wirklich einmal Grund zum Feiern und Staunen.Es waren das übrigens nicht einfach nur Verschiebungen im bürgerlichen Lager, wie uns die CSU jetzt weismachen will. Erstens sind 17 Prozent Minus keine Verschiebung, sondern eine Lawine. Ich kann mich an gar keine Landtagswahl erinnern, wo irgendeine Partei annähernd soviel verloren hätte. Zweitens gibt es bekanntlich auch im Bürgertum erhebliche Unterschiede. Zum Beispiel zwischen doch wohl zweifellos sehr bürgerlichen Grünen und CSU.

Drittens ist übrigens auch der Schritt von der CSU zu den Freien Wählern nicht einfach nur ein Schritt zu Seite, sondern einer in die richtige Richtung. Für mehr Mitbestimmung auf lokaler Ebene, gegen die Arroganz der CSU, gegen industrielle Irrsinnsprojekte aller Art, gegen Genfood, für Abschaffung der Studiengebühren – diese Stimmungen und Anliegen drückten auch die Freien Wähler aus, und dafür hat man sie gewählt – nicht dafür, dass sie etwa der CSU so ähnlich wären. Sogar der Wahlerfolg der Liberalen dürfte mehr mit deren Profil in Sachen Bürgerrechte zu tun haben, als mit ihrem ätzend neoliberalen Programm.

Natürlich hatte ich mir gewünscht, dass mehr von den CSU-Verlusten nach links gewandert wäre. Dabei geht es mir nicht so sehr um Prozentpunkte hin oder her, sondern um das Aufbruchsignal, das ein Einzug der Linken in den bayerischen Landtag bedeutet hätte. Aber das Ergebnis war angesichts der strukturellen Schwäche in der Fläche Bayerns in Ordnung und einem mit brachialer Kreuzritter-Propaganda mobilisierten Anti-Kommunismus sehr in Ordnung. Und immerhin hat die Linkspartei laut ARD-Analyse der Wählerwanderung erstaunliche 50.000 Stimmen direkt von der CSU bekommen.

Den vielen SPDlern, denen ich freundschaftlich verbunden bin, kann ich nur sagen: solange ihr die Partei vom neoliberalen Schröder-Trip nicht herunter bekommt, bekommt ihr auch die Prozentzahlen bei den Wahlen nicht hoch.
Das überragende Ergebnis dieser Wahl aber ist und bleibt das Desaster der unbesiegbar geglaubten Staatspartei. Nein, nein: der Absturz der CSU war kein Ereignis, das vom Himmel gefallen ist, kein Ausrutscher und keine Eintagsfliege. Wer Bayern erlebt hat in den letzten Jahren, konnte spüren, dass sich da etwas ändert, dass ein neues, weltoffenes Lebensgefühl sich mit großen Selbstbewusstsein artikuliert, während die CSU ewig weiter im eigenen, selbstherrlichen Saft vor sich hin dampft.
In einer Zeit, wo wir mit der “Gut´n Morgen Herr Fischer”-CD grade so sehr bayerisch unterwegs sind, ist auch erlaubt hinzuzufügen: die bayerische Kultur, die aufmüpfige Volksmusik, unsere wunderbaren Kabarettisten und auch meine Wenigkeit – wir haben schon auch unseren Teil beigetragen, dass die Gleichung CSU = Bayern heute nicht mehr aufgeht.

Herbert Achternbusch hat einmal gesagt: “Alle Bayern sind Anarchisten und 60 Prozent wählen die CSU.” Davon gilt seit heute nur noch die erste Hälfte!

Und ganz privat bin ich schon auch sehr froh darüber, dass man als Bayer mit Herz und Verstand nicht mehr so “depperd” dasteht in den fortschrittlichen Gefilden der restlichen Republik. Huber, Herrmann, Haderthauer – auch in Bayern wird man schlauer…
– Leut, es ist eine Freude, in diesen Tagen ein anarchistischer Bayer zu sein!

P.S: Vielleicht lädt mich ja jetzt die CSU zu einer Lesung meiner “Kunst des Scheiterns” nach Wildbad Kreuth ein?

via

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